Freiheit ist kein Zufall
Fräulein Athene hat eine Geschichte, die mit meiner Geburt in Ostdeutschland begann. Einige Jahre vor der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Krippe mit wenigen Wochen, Spuk im Hochhaus, Pittiplatsch und Demonstrieren am ersten Mai. Ferienlager im Sommer, Beton für den Rest des Jahres. Ich aß Schokolade, die uns die Westverwandtschaft schickte. Sah westdeutsches Fernsehen, das meine Oma heimlich in die engen Wände holte. Vielstimmigkeit im Inneren, eine Perspektive und eine Wahrheit im Außen. Wie beruhigend, immer genau zu wissen, was richtig ist und was falsch.
Nie vergesse ich das plötzliche Gefühl, dass an mir etwas falsch sein musste. Dass mir ein Makel anhaftete, der sich nicht so leicht kaschieren ließ. Meine Sprache verriet, woher ich kam, ohne dass ich selbst die feinen Unterschiede bemerkte. Mein Äußeres brachte mir Stigmatisierung und meine Erfahrungswelt einen festen Platz am Spielfeldrand. So wich Selbstgewissheit beklemmenden Zweifeln. An die Stelle von Unbefangenheit trat tiefer Scham.
Meine Träume wurden flüchtig und meine Zukunft eng. Udo Jürgens konnte es noch so oft singen – hinter meinem Horizont ging es nicht so einfach weiter. Christa Wolfs geteilter Himmel bestand für mich fort. Die Glaubensfrage jenseits der Mauer entwickelte sich zu einer Schicksalsfrage für mich. Die Decke gläsern. Schuhe aus günstigem Material. Ich war kein Aschenputtel, dem Erlösung durch einen Prinzen versprochen war. Ich hatte nur mich.
„Never waist a good crisis!“ Mehr aus Not als mit einem Plan lernte ich, welche Kleidung angemessen war. Wann ich Fragen stellte musste, um Fragen nach meiner Herkunft zu vermeiden. Welche Themen sich für Smalltalk eigneten und wann Schweigen die bessere Alternative war. Ich lernte schnell und leistete mehr. Ein Schaf unter dem Fell einer Wölfin, das sich wünschte, es wäre umgekehrt.
Meine Strategie versprach eine bessere Zukunft und kostete mich fast meine Identität. Je mehr ich mich anpasste, desto mehr verlor ich den Zugang zu mir selbst. Ich spürte, was andere erwarteten und gab, bis nichts mehr von mir übrig war. Nie hätte ich mir im Flugzeug die Atemmaske zuerst aufgesetzt. Ich war wie getrieben, obwohl ich mich danach sehnte, frei zu sein. Aber Freiheit endet, wenn sich das Herz verschließt.
Mein Überlebensmodus brauchte ein Update. Eine Übersetzung in die neue Zeit, in der ich nur glücklich werden konnte, wenn ich zu mir selbst stand. In der ich meiner Geschichte die Hand reichen konnte und es schaffte, ihr einen Sinn zu geben, der auch die Zukunft einschloss – die Zukunft, die hinter dem Horizont auf mich wartete. Da bin ich nun. Zum ersten Mal reicht mein Blick weiter als mein innerer Alarm. Zum ersten Mal traue ich mich, Vertrauen zu fassen in diese neue Wirklichkeit.
Fräulein Athene
Zum Nach- und Weiterlesen:
Bourdieu, Pierre (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp.
