Dearest gentle reader

Did you miss me? We have been apart for far too long. Umso größer das Vergnügen zurück zu sein. Ahnungsvoll, nein, überzeugt, dass dieses Jahr Wunderbares entfalten wird. Nicht meine Identität natürlich – in dieser Hinsicht soll mir Lady Whistledown kein Vorbild sein.

Aber was heißt schon Identität – unter Lagen von Kleidung und Make-up-Schichten, einem schmeichelhaften Filter und Lächeln im richtigen Winkel? Und was gar die Wahrheit angesichts der vielen Geschichten, die andere über uns zu erzählen wissen, und derer, die wir für unsere eigene halten? Was bleibt, wenn alle Konventionen entfallen? Alle Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat und ein Leben gelebt werden muss? Alle Maskerade nach innen wie nach außen?

Viel wurde über mich gesagt: zu laut, zu sensibel, zu fordernd und impulsiv. Und doch weiß ich: Im Spiegel ihrer Welt bin ich auch immer das, wonach sie sich heimlich sehnen. Eine sensible und durchaus heikle Angelegenheit. Dabei kann ich nicht verhehlen, dass auch mir dieses Gefühl vertraut ist. Diese verkleidete Sehnsucht, alle Facetten des eigenen Seins zu leben und sich entfalten zu lassen.

Auf den Stufen der Igreja de Santa Engrácialas sitzend, las ich kürzlich: „Gefühle wollen sich entwickeln, und wir mit ihnen. Sie sind, was sie sind, weil sie abstoßen, was sie einst waren, und weil sie einer Zukunft entgegenströmen, wo sie sich von neuem von sich selbst entfernen werden.“ Wenn das der Lauf der Dinge ist, so natürlich wie der Wechsel der Jahreszeiten – wie verheerend ist es dann, wenn wir diesen Strom blockieren und uns Entwicklung untersagen? Uns festklammern, an dem was ist. Schwelgend in Nostalgie oder gar Selbstherrlichkeit?

Ja, ein Weg einmal zurückgelegt, lässt sich nicht ungeschehen machen. Nicht rückabwickeln wie der Kauf neuer Schuhe, die beim zweiten Anprobieren schmerzhaft drücken. Was wir spüren und fühlen, bleibt und wirkt in uns für immer. Allerdings, entscheiden wir, welche Bedeutung wir dem geben, was Teil unserer Selbst geworden ist. „Das Leben ist nicht das, was wir leben, es ist das, was wir uns vorstellen zu leben,“ wie es Pascal Mercier formuliert. Es ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, möchte ich hinzufügen.

So wage ich es weiter, mein Herz zu öffnen für die Lektionen, die dieses Leben bereithält. Denn kaum etwas schreckt mich mehr als die Unendlichkeit des immer Gleichen und die Schwerfälligkeit eingeübter Lebensweisen. Ich will am Leben sein, so lange ich lebe.

Yours truly
Fräulein Athene

Zum Nach- und Weiterlesen und Weiterschauen:
Mercier, P. (2004): Nachtzug nach Lissabon (60 Aufl.). btb.
Rhimes, S (Produzentin). (2020-heute): Bridgerton. Shondaland; Netflix.